Wer hätt`s gedacht – die „Linie 1“ auf
Jemenitisch !
„Ma`ak
Nazl“, ein Projekt der Theatergruppe
„Khaleej Aden“ und des „Deutschen Hauses Sanaa & Aden“
Aus Anlass der Deutschen Kulturwochen 2009 im Jemen
zum 40-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen
Keine Folklore - aus dem Off
Dass es im Jemen eine erfolgreiche Theaterszene gibt, die aus dem
Off heraus und trotz fehlender theaterspezifischer Infrastruktur
fabelhafte Inszenierungen macht, scheint nicht länger verwunderlich,
wenn man einmal die Theatermacher selbst kennengelernt hat. Als Amr
Jamal, mit Adnan Al-Khader und den weiteren Mitgliedern der Truppe
„Khaleej Aden“ (Golf von Aden) mit dem deutschen Stück „Linie 1“
Bekanntschaft schloss, war es wohl Liebe auf den ersten Blick.
Einmal keinen Klassiker zu machen, sondern Theater mit einem ganz
klaren Bezug zur Straße, zu den „Leuten wie Du und ich“, schien
schon alleine deshalb handlungsbestimmend, weil es angesichts des
Erwartungsdrucks an Kulturarbeit im lokalen Umfeld einmal eine
Abwechslung bot, nicht immer nur Abziehbilder der eigenen
beziehungsweise jeweils anderen Kultur vorzuführen. Ein deutsches
Stück, von Jemeniten mit jemenitischen Akteuren und für Jemeniten,
war ein ganz neuer Zugang. Inspiriert von einem deutschen
Theaterstück haben hier jemenitische Theatermacher ihre eigene
kleine Welt geschaffen, mit Bravour.
Gültigkeit in allen Ländern
Ihr “Vater“, Volker Ludwig schreibt dazu, dass die Linie 1 „ein
Vehikel für das ganz normale Volk darstellt – nicht nur in Berlin.
Und darum ist sie ein ideales Vehikel, wenn es die Menschen in ihrer
jetzigen Realität zeigen will (was das übliche Musical überhaupt
nicht will): mit all ihren Sehnsüchten und Hoffnungen, ihrer Komik
und ihrer Verzweiflung, ihrer Wut und ihren Leiden.“
Die Theatergruppe „Khaleej Aden“ (Golf von Aden) hat sich dem
Projekt Linie 1 angenommen und vollführt eine „jemenitische“
Umsetzung. Amr Jamal, Intendant und Leiter der Gruppe, war vom Film
zur „Linie 1“ inspiriert: „...das Gefühl (ließ mich) nicht los, er
würde mit großer Sicherheit die Grundlange für mein nächstes
Theaterstück sein. Als die Anfrage an mich kam, ob die Vorlage des
Filmes bei einer eventuellen Adaptation zu einem Theaterstück für
die jemenitische Gesellschaft geeignet ist, sagte ich sofort sehr
sogar, unter Berücksichtigung einiger für unsere Gesellschaft
notwendigen Änderungen. Die Genialität des Textes liegt darin, dass
es mit allen Maßstäben ein internationales Werk ist und somit in
allen Ländern der Welt Gültigkeit hat.“ (Amr Jamal, Leiter der
Theatergruppe Khaleej Aden)
Opfer einer Touristenheirat
Die Adaptation " Ma`ak Nazl– Aussteigen" ist das vierte Werk der
Gruppe nach den Stücken "Hala, Hala hat es verdient", "My Fair Lady"
und "Family dot.com", alle vergleichbar große Erfolge in den
Gouvernoraten Aden und Sanaa. In einer heiteren, zielorientierten
jemenitischen Vision greift "Ma`ak Nazl" einige wichtige soziale
Thematiken auf: ein Mädchen, Opfer einer sogenannten Touristenheirat
im armen Hinterland, kommt an der Sammeltaxi-Station (Al-Farza) im
Gouvernorat Aden an und sucht anhand einer falschen Adresse ihren
saudischen Ehemann. An der Haltestelle begegnet sie verschiedenen
Menschen, die die unterschiedlichen sozialen Schichten der
jemenitischen Gesellschaft repräsentieren. Gleichzeitig sieht sie
sich mit deren Realität konfrontiert, und diese Erfahrung eröffnet
ihr eine größere Welt über die engen Grenzen ihres Dorfes und ihrer
begrentzten, eigenen Welt hinaus. Sie lernt die weit gefächerte
jemenitische Gesellschaft und ihre Eigenheiten und Probleme kennen.
Theaterspielen als leidenschaftliche Schande
Das zweistündige Theaterstück enthält einige Revuestücke mit
Gesangseinlagen. Besonders faszinierend daran ist die Tatsache, dass
die Theatergruppe selbst, als Off-Theatergruppe agierend,
verschiedene Charaktere in sich eint. Am Scheideweg des Südens,
zwischen Trauer über das vergangene sozialistische System,
verhaltener Freude über die jemenitsche Einheit und dem was da noch
kommen mag, offenem Protest gegen vermeintliche und tatsächlich
empfundene Benachteiligungen wie im Frühjahr 2009, noch nicht
gefundenen neuen Rollen, und der zuletzt sterbenden Hoffnung haben
sich hier Theaterleute versammelt, denen das Spielen im Blut ist.
Bis 1990 war Theater in Aden gang und gäbe, einige der älteren
Mitwirkenden sind damals bekannte Volksschauspieler. So Nur
Abdallah, in der Rolle der Umm Ahmed, deren eigene Kinder ihr aber –
Wandel der Zeiten – heute Vorwürfe machen über ihre
Theaterleidenschaft. Theaterspielen, insbesondere die Tatsache, dass
Frauen sich auf der Bühne preisgeben, ist in konservativeren Kreisen
extrem verpönt und wird auf den gewachsenen wahabitischen Einfluss
zurückgeführt. „In der Regel finden sich heiratswillige junge
Frauen, die öffentlich schauspielern, mit der Entscheidung `Mann
oder Theater` konfrontiert“ (Amr Jamal). Andere, wie der Choreograph
Osama Bikar, sind froh sich überhaupt einbringen zu können: nach der
Ausbildung am Moskauer Ballet Ende der achtziger Jahre gab es für
ihn vergleichsweise wenig Einsatzmöglichkeiten in seinem
Fachbereich.
Besonders aber machen junge Leute mit, was sie (wenn auch nicht
alle) als gute Alternative zum Qat-Kauen empfinden: so sind die
weiblichen Risi & Bisi (aus der Linie 1) mit Begeisterung die
männlichen Kimo & Rimio, und haben gleich ihren kleinen Bruder, in
Verkörperung eines Kinderarbeiters, für die Rolle des Kiosk-Jungens
mitgebracht.
Quasi-apokalyptische Probeorte
Natürlich möchte ein Stück wie dieses keine Verklärung der damaligen
Verhältnisse im vormaligen Südjemen einfordern, aber die Wurzeln,
die das Theater – in der Tat ganz am Boden – treibt, sind eben nicht
abgestorben, weil sie zu universell sind: die Proben fanden aus
Mangel an Alternativen nachts auf aufgelassenen Schulhöfen und auf
quasi-apokalyptischen, noch nicht eröffneten halb baustellenartigen
Freizeitparks statt. So viel anhaltende Ausdauer verdient allemal
Respekt.
Was nicht gelang, ist die sozialpädagogische Symbiose von im Stück
dargestellten Charakteren und ihren tatsächlichen Bezugsgruppen:
anders als in Deutschland derzeit en vogue, wird hier die somalische
Flüchtlingsfrau und der Strassenkehrer aus der Kaste der „Akhdam“
(Plural für Diener), also soziale Randfiguren, von Schauspielern des
Ensembles dargestellt, und nicht von authentischen Angehörigen der
genannten Gruppen. Da wäre vermutlich zuviel des Kulturtransfers
vorausgesetzt. Das Stück schafft es aber, unter den gegebenen
Umständen die „Straße“ pragmatisch und gekonnt aufs Parkett zu
bringen, mit ihrer Derbheit und dem Wirrwarr einer
Sammeltaxi-Station. Angesichts all der Probleme des Landes, die
verarbeitet sind und zum Ausdruck kommen, eigentlich auch ein
Beispiel für „Kultur und Entwicklung“*.
„Kul-shi‘ msh ma’aqul“ (Nichts ist akzeptiert)
Die eingespielten Lieder entstammen einer eigens produzierten
Version der jemenitischen Stars wie Shuruq, Moath Khan, Hadil und
Yasser Shan: sie haben die 1980er-Rhythmen der Originalvorlage
gekonnt und hörbar in die südarabische Klangwelt überführt. Mit dem
Titel „Zahma“ (Stau, zum Rhythmus von „Warten“, s. Zwischentitel)
dürfte ihnen ein Smash-Hit gelungen sein: sowohl verkehrstechnisch,
als auch als Metapher für die Situation eines Landes, das derzeit
keine großen Schritte voran meldet, aber voller Talent steckt.
Während man den Titel des Songs „Sabah al-khir, Ya Aden“ (Guten
Morgen, Aden) in Bezug auf die Juni-Unruhen, bei denen Forderungen
nach einer erneuten Teilung des Landes laut wurden, übervorsichtig
mit einem neuen Aufbruch interpretieren könnte, so stimmen die
Inhalte der Strophen doch eher einen Duktus des versöhnlichen
gemeinsamen Anpackens an: „Qumu` Ya Qasslanin, kefi al-naum“
(Aufstehn, Faulpelze, genug geschlafen), oder „Lazim tinssi mafi´
furca“ (Vergiss „nichts gibts“), im Sinne des Endes der
postsozialistischen Lethargie? „Ma`ak Nazl“ ist jedenfalls das, was
man in den innerstädtischen Kleinbusverbindungen Adens dann sagt,
wenn man aussteigen möchte.
Mit herzlichem Dank an
Volker Ludwig, Wolfgang Kolneder und Winfried Tobias vom Grips
Theater Berlin, sowie an das „House of Yemeni Music“.
Guido Zebisch,
Leiter des Deutschen Hauses
Projektberater des Goethe-Instituts
Deutsches Haus Sanaa & Aden
Weitere Informationen unter
www.dasdeutschehaus-jemen.org
Songproben unter
http://www.youtube.com/watch?v=nkLfVhF3rXU
http://www.youtube.com/watch?v=pYlLykH0wFU
http://www.youtube.com/watch?v=OR9MGdu3A2s
http://www.youtube.com/watch?v=yLd46rM95Z0
http://www.youtube.com/watch?v=Gaw79oneu_w
Vorherige Erfolge der Theatergruppe „Khaleej Aden“ (arabisch):
1-My Fair Lady:
http://www.youtube.com/watch?v=BVAfoS6lQAU
2-Family.com
http://www.youtube.com/watch?v=Bj_h4AFAUHs
3-Bushra Sara
http://www.youtube.com/watch?v=xZEK7zFZ4PM
4-Hala Hala Yestahel
http://www.youtube.com/watch?v=pTl9Ni1pudQ
http://www.youtube.com/watch?v=VZWJsrQLbSs
*Siehe auch das arabischsprachige Tourneetheaterprojekt „Nathan, der
Weise“, ein Gemeinschaftsprojekt vom Deutschen Haus Sanaa & Aden und
dem Conflict Advisory Board der Gesellschaft für Technische
Zusammenarbeit, u.a. unter
http://www.dasdeutschehaus-jemen.org/DE/html/Katalog/MusikTheater.html