|
 |
|
Der Höhepunkt zum
Schiller Jahr 2005 Sprechtheater Schiller unter den Räubern
Eigentlich hatte der Beitrag des Deutschen
Hauses zum Schiller-Jahr 2005 „Being Friedrich. Ein schillernder
Lebensbogen“ heißen sollen. Aber inhaltliche Änderungen waren
nicht die einzige Unwägbarkeit, die den Schauspieler und
Theater-Dozenten Matthias Friedrich aus Berlin forderten. Herr
Friedrich hatte bereits an Weihnachten 2003 die
Ein-Mann-Puppentheater-Version des überwiegend im Osten
Deutschlands bekannten Stückes „Die Weihnachtsgans Auguste“ im
Deutschen Haus gastiert – sehr zur Freude vieler deutscher und
bi-nationaler Kinder in Sanaa: die Gans machte gnägnägnägnägnä,
die Kinder lachten.
Diesmal waren erwachsenere Teilnehmer im Visier:
das Deutsche Haus verfolgt bereits seit Anfang 2005 den Ansatz,
statt reiner „Society-Events“ Projekte mit stark
partizipatorischem Ansatz durchzuführen, die während der
gesamten Länge des Projekts von Anfang an jemenitische und
deutsche Teilnehmer zusammenbringen sollen. Angesichts eines
professionell arbeitenden deutschen Schauspielers, der das
Ticken der Uhr im Blut hat, ließ sich die Beteiligung der
deutschsprachigen jemenitischen Studierenden oder Absolventen
der Germanistik sehr langsam an. Die ersten Tage des Workshops,
für den das Deutsche Haus seit Ende Juli in Rede und Schrift
geworben hatte, waren daher noch Aufwärmübungen. Als sich dann
allmählich die acht wagemutigen Schauspieler formierten – auch
hierbei in sehr jemenitischer Manier – wurde schnell deutlich,
dass Vieles der vorbereiteten Sequenzen umgearbeitet werden
müsse. Anstatt einen „schillernden Lebensbogen“ in Form eines
von einer Erzählerfigur vorgetragenen und dann in den
Schlüsselszenen dramaturgisch umgesetzten Potpourris von
Schillers Werk anzubieten, musste in jeder – auch unliebsamen -
Beziehung stark gekürzt werden. Somit schien „Die Räuber“ die
wahrscheinlichste Auswahl: noch dazu lag eine Übersetzung aus
den 1950er Jahren vor, auf die teils zurückgegriffen wurde.
Vieles weitere an Übersetzungen – wie auch den sonstigen
Vorbereitungsarbeiten -- wurde von den helfenden Händen im
Deutschen Haus unverzüglich und gut erledigt.
Kürzend wurde weiter improvisiert: vom Sprach-
und Gedächtnisleistung her war das Laiendarstellertum der
Mitwirkenden von Anfang an berücksichtigt. Um die „Botschaft
Schillers“ aber verständlich zu transportieren, wurde in
postmoderner Manier mit einzelnen Stücken und Zitaten operiert.
Die Figur Schillers zu zerpflücken und nach dem Gehalt zu
suchen, das Schiller zweihundert Jahre nach seinem Tod und nach
einem Transfer in eine Kultur mit vollends anderem
geschichtlichen Hintergrund haben kann, wurde die eigentliche
Aufgabe. Somit schien eine Transplantation von Schiller in einen
fiktiven, zeitlich unbestimmten Jemen naheliegend. Die
Räuberbande, irgendwo in den jemenitischen Bergen, findet einen
auf, mit dem sie nichts anfangen können. Um aber ihrem
Räuberhauptmann und Scheich, hervorragend gespielt von dem auch
von Fernsehauftritten bekannten xx.xx von ihrer eigenen Leistung
und Ehre als echte Räuber zu überzeugen, müssen sie nun den
„Wert“ der Beute demonstrieren. So werden Zitate und Sinnsprüche
Schillers aus dem Bauch gezogen – angedeutet im Sezieren und
Zerfleddern der Figur Schillers. In einer raschen Abfolge in
diversen Konstellationen geben die Räuber nun den Gehalt
Schillers auf Deutsch und Arabisch – teils marktschreierisch –
wieder. Der seine Räuber gängelnde Scheich ist nicht zu
überzeugen, es kommt zum angedeuteten Vatermord durch den jungen
Karl Mohr (ein jemenitisch-stämmiger Maure?), man hat sich
Schillers Inhalte zu Herzen genommen und längst entschieden: die
Freiheit, oder den Tod ! Ein solch kraftvoll vorgetragener
Ausspruch ließ niemanden unberührt – auch nicht den
jemenitischen Intellektuellen, Leiter des Forschungszentrums und
Lyriker Dr. Abdul-Aziz Al-Meqaleh, neben Dr. Ali Mansoor (Uni
Sanaa) und dem deutschen Botschafter Herrn Mann ein
Überraschungs-Ehrengast, der in seiner nächsten Kolumne im „26.
September“ (eine jemenitische Wochenzeitung) ein
Erinnerungsgedicht an Schiller unter den Räubern in Sanaa
verfasste. Die lebendig inszenierte Freiluft-Premiere mit
exzellent abgestimmten und abwechslungsreichen Szenen,
liebevoller Requisite und professioneller Planung brachte einen
wahren Segen in den Garten des Deutschen Hauses wie auch den
ganzen Jemen – von Schiller persönlich, wie in den Himmel
aufgefahren als angeleuchtetes Konterfei vom Dache winkend.
Theaterträume bestehen weiter. So hat der
ebenfalls mitwirkende Dr. Hamied Al-Iriani als nächstes eine
Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ geplant, und auch
die Theaterabteilung des Kulturministeriums (es soll sie geben)
hat Interesse angedeutet. Besonderen Dank an dieser Stelle an
Dr. Hamied Al-Iriani, Abdul-Qadr Sabri und Jinan Gerges, Kira
Falter, Simone Kaiser, Matthias Friedrich (für die guten Nerven)
und das Auswärtige Amt für die freundliche Unterstützung dieses
Projekts. |
|