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Vorwort des Herausgebers

 

Der Titel der vorliegenden Anthologie „Jemen fassen“ ist nicht
ohne Grund gewählt.
Fassen, in eine Fassung bringen, verstehen, begreifen, all das
sind Nuancen, die in diesem Begriff mitschwingen. „Fassungslosigkeit“,
„die Fassung verlieren“, könnten ein Gegenteil sein. Mit dem „Fassen“
eines Landes ist natürlich auch das „in Worte Fassen“ gemeint, also ein
Prozess, den die hier versammelten Literaten bewusst oder unbewusst
tun und somit Zeugnis ablegen von ihrem Land.
Dass dieses alles andere als einheitlich ausfällt, verwundert wenig.
Jenseits einer starren begrifflichen Fassung ist mit diesem Band keine Gesamtdarstellung
der jemenitischen Literatur angestrebt, kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Selbst
die Autoren sind in (römisch-) alphabetischer Reihenfolge aneinandergereiht, um weder
nach außen noch nach innen auch nur eine Annäherung an eine Rangordnung nahe zu
legen.
Die Idee zu diesem Band entstand im Zusammenhang mit den deutsch-jemenitischen
Literaturabenden, die 2004 im Deutschen Haus begannen. In loser Folge wurden hier
Auszüge aus den Werken jemenitischer Schriftsteller im Original und in deutscher Über-
setzung gelesen. Anlässlich des ersten dieser Abende entstand sogar ein mehr als halbstün-
diges Feature, das im Kultursender des jemenitischen Fernsehens mehrmals ausgestrahlt
worden war. Dessen Hauptbedeutung liegt neben einem gewissen Marketingvorteil für
unsere Einrichtung eher in der Wertschätzung, die nicht nur der Literatur im allgemeinen,
sondern vor allen Dingen deren internationalem Wirkungsgrad entgegengebracht wird.
Denn die jemenitische Literatur ist – sicherlich in Europa – recht wenig bekannt. Lite-
raten-„Stars“ wie Nureddin Farah oder Assia Djebar und Tahar Bin Jelloun fehlen. Nur
im einzelnen kam es aus europäischer Sicht zu einer fundierten wissenschaftlichen Aus-
einandersetzung mit Jemens Literaten –prominent durch Dr. Günther Orth.
Die vorliegende Auswahl gibt einen Überblick über derzeit vorzufindende literari-
sche Ausdrucksformen (die in der Tat im Jahre 2004 allesamt im Buchhandel erhältlich
gewesen sind). Das ist im Begriffsspektrum von „jemenitischem Schreiben“, „jemeni-
tischem zeitgenössischen Schreiben“ etc. am vorsichtigsten formuliert, denn die literari-
sche Szene scheint gewissen Quantensprüngen zu unterliegen. Die Auflagengröße ist stets
gering, eine Archivierung blieb lange weitgehend unsystematisch. Im allgemeinen gilt, dass
die materielle Situation den Autoren keine Zeit zum Schreiben lässt. Wenn Autoren dann
auch noch selbst das allerletzte, eigene Exemplar ihres in Zeiten vor der Computerisierung
erschienenen Buches aus Freundschaft verschenken, dann ist das „Fassen“ von Literatur
auch als Festhalten zu verstehen.
Festgehalten werden können starke Bilder, wie das des Jasminjungen an der Straßen-
kreuzung, das an den dokumentarischen Neorealismus eines japanischen Schwarzen

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