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Theater
Projekt "Nathan der Weise"
Ein Gemeinschaftsprojekt der
jemenitischen "22. Mai Theatergruppe",
CPAS / GTZ und dem Deutschen Haus Sanaa & Aden (DH),
mit Unterstützung der Europäischen Union (EU)
Laufzeit Mai bis Oktober 2008
Die Aufführung des deutschen Klassikers „Nathan der Weise“ als
Wandertheater durch 10 zentrale und dezentrale Orte erzielte mit
12 Aufführungen ein Publikum von 6700 Zuschauern. Mit der
Botschaft des Stückes, der religiösen und zwischenmenschlichen
Toleranz, stellte die "22.Mai Theatergruppe" die traditioneller
Weise tolerante Grundeinstellung der Jemeniten auf den
Prüfstand. Dabei wurde die Theatergruppe mit Mitteln des "Advisory
Service on Crisis Prevention and Conflict Transformation CPAS"
der GTZ (zwei Drittel), dem Deutschen Haus für Zusammenarbeit &
Kultur Sanaa & Aden (ein Drittel) und der Europäischen Union
(Zuschuss) unterstützt. Stückwahl und Inszenierung oblagen der
Verantwortung der jemenitischen Theatergruppe; so war der
Eindruck einer Indoktrinierung von Außen gerade in Anbetracht
des sensiblen Stoffes vermieden. Das Projekt machte zudem als
Muster für die Zusammenarbeit von EZ und dem Kulturbereich
Schule.
Der
Jemen ist eines der ärmsten Länder der Welt: 40 % der
Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, 18 % in extremer
Armut. Zugleich befindet sich das Land im sozialen Umbruch: Die
voranschreitende Modernisierung der Verwaltung führt zu einer
Reihe von Konflikten zwischen Zentralegierung bzw. ihren
Vertretern in den verschiedenen Gouvernoraten und der primär an
Stammesstrukturen orientierten ländlichen Bevölkerung. Die
resultierende Verunsicherung fördert fundamentalistische
Tendenzen, weshalb sich die Organisationen der staatlichen
deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) seit 2002 um eine
stärkere Ausschöpfung friedensfördernder Potenziale der
deutschen EZ und eine Ausrichtung der Programme und Projekte auf
Krisenprävention bemühen.
Vorlage zum diesjährigen Projekt bot die bereits im letzten Jahr
mit Mitteln des GTZ-Projektes „Advisory Service on Crisis
Prevention and Conflict Transformation“ (CPAS) durchgeführte
Tournee der 22. Mai-Theatergruppe.
Wandertheater- und Hörspiele erreichen eine Vielzahl von
Bevölkerungsgruppen jeden Alters –
insbesondere auch in entlegenen Gegenden des Jemen. Die
Theatergruppe entwickelt und inzeniert das Ensemble
sozialkritische Theaterstücke und
greift so konkrete negative Auswirkungen z.B. von Terrorismus
und Intoleranz, Blutrache, Diskriminierung von Frauen sowie das
weitverbreitete Tragen und Schmuggeln von Kleinwaffen auf die
jemenitische Gesellschaft auf. Ihr Ziel ist es,
gesellschaftliche Diskussion und Bewusstseinsveränderung
anzuregen und für einen alternativen
und konstruktiven Umgang mit Konflikten zu werben.
Kerngedanke des diesjährig inszenierten deutschen Klassiker
„Nathan, der Weise“ ist die religiöse und zwischenmenschliche
Toleranz. Die klassische Textfassung von Gotthold Ephraim
Lessing wurde – mit Unterstützung vonseiten des Deutschen Hauses
- von der Theatergruppe aufgegriffen und zu einer kürzeren
Fassung adaptiert. Das Deutsche Haus stellte zudem in der Form
eines dreiwöchigen, von einem arabischsprachigen deutschen
Theaterspezialisten geleiteten Theaterworkshops Symbiose-Effekte
mit der deutschen Theaterszene her: das professionelle Stärken
der Theatergruppe und insbesondere der – im Jemen raren -
weiblichen Truppenmitglieder fördert das Selbstbewusstsein und
den Aufbau von unmittelbar aktivierbaren Kompetenzen. Dies
bewies insbesondere die intensive Arbeit an der Dramaturgie des
Stückes.
Nicht zuletzt wurden mit der Auswahl der Aufführungsorte,
insbesondere der Freiluftaufführung, wichtige neue Akzente
gesetzt, die jemenitische Kulturszene zu beleben und die bislang
beengend klassischen Theaterformate der offiziellen
Kulturinstitutionen aufzubrechen (Zielpublikum: Straßenkinder-
und Waisenhausorganisationen).
Fazit:
Die rege öffentliche Diskussion um das Stück schlug sich in
Zeitungsartikeln herausragender Intellektueller wie in der
Anfrage nach anders verorteten Folgeprojekten nieder. Der
Zulauf insbesondere in den nach der Wiedervereinigung kulturell
unterversorgten, dezentralen und für fundamentalistische
Tendenzen anfälligen Regionen des Südjemens belegt, wie mit
vergleichsweise geringen Finanzmitteln eine wirkungsvolle
Verbreitung einer konfliktmeidenden Botschaft erzielt wurde. Das
deutsch-jemenitische EZ-Kultur-Projekt dürfte bemessen am
öffentlichen Interesse, das die Produktion erfuhr, in vollem
Maße gelungen sein.
Kommentar
von Dr. Hamied Al-Iriani
"Die stereotypen Bilder, die sich jede Gruppe, Gesellschaft oder
Kultur von den nahen oder fernen "Anderen" macht, sind immer
problematisch. Sie zeugen einerseits von der Unfähigkeit der
Gemeinschaft, die anderen differenziert zu sehen. Das ist eine
Eigenschaft der Gruppendynamik, weil Differenzierung bzw.
Sachlichkeit eigentlich nur individuell möglich sind. Es ist
weder möglich, Kenntnisse und Meinungen der "sehenden" Gruppe
auf einen Nenner zu bringen, noch die vielen Seiten des
"Gesehenen" zu subsummieren. Deshalb sind stereotype Bilder
notwendig, um überhaupt ein gemeinsames Bild zu haben, und sind
zugleich sehr stark und beständig, weil diese Funktion sehr
notwendig ist im Prozess der Definition des Selbst.
Nur in der Kommunikation zwischen Individuen können diese
Stereotypen aufgebrochen werden. Der erste Schritt dazu
geschieht entweder freiwillig durch das Aufeinanderzugehen oder
gezwungener Massen durch die notwendige Aufarbeitung von
Konflikten. In beiden Fällen ist die Toleranz eine notwendige
Voraussetzung. Sie macht das Aufeinandergehen erst möglich. Auch
keine Schlichtung kann jemals ohne Anerkennung und Akzeptanz
angegangen werden: die minimalen Inhalte der Toleranz.
Die gegenseitigen Wechselwirkungen zwischen dem Okzident und dem
vorderem Orient sind sehr stark von stereotypen Vorurteilen
belastet, die tief in der Geschichte verwurzelt sind.
Es bedarf immer noch der Summe von enormen individuellen
Kommunikationsleistungen, um dieses Erbe abzutragen.
Um diesen Vorgang Vorschub zu leisten sind Stücke wie "Nathan
der Weise" gerade interresant.
Aber auch im kleinen, wenn wir uns privat, lokal, landesweit
oder regional konfliktfreier, humaner und gerechter verhalten
wollten, sind die aufrüttelneden Fragen Lessings sehr nützlich.
Die List mit den drei gleichaussehenden Ringen führt uns vor
Augen, dass man mit kleinen Mitteln sehr viel Einsicht erreichen
kann. Gerade die indirekten Formen der Kommunikation haben diese
Wirkung, weil sie unsere stereotypen Bilder umgehen und nicht
konfrontieren. Kunst ist eine fruchtbare Form der Annäherung,
dazu gehört unbedingt das Theater. Wird Nathan Anregung genug,
im Jemen mehr Theater zu machen? Und trägt es dazu bei, dass
mehr Zuschauerinteresse geweckt wird? Lasst uns dafür arbeiten
und hoffen, dass die Anstrengungen fruchten! Möge die Aufführung
des Stückes Erfolg haben, die 22. Mai Theatergruppe verdienten
Zulauf und berechtigte Kritik ernten!
Wie oft wird in unseren Medien beteuert, dass wir die
Andersdenkenden akzeptieren wollen, und wie notwendig haben wir
es, diese Aufrufe mit Leben zu füllen. Hiervon zeugen die
schwelenden Konflikte, mit denen wir scheinbar immer leben
müssen. Lasst uns unsere Energien bündeln, damit ein glückliches
sorgenfreies Leben für alle möglich wird. Wir erfüllen dann die
uns vom Gott aufgetragene Bestimmung, die Erde für alle Menschen
aufzubauen.
Wird uns "Nathan, der Weise" unsere vom Propheten Mohammed
verbriefte Weisheit und unseren toleranten Glauben wieder
zurückgeben helfen? Werden die Weisheit und der Glaube wieder
Jemenitisch?" |