Folklore als zeitgenössische Musikform ? Was kann ein Musikerworkshop im Jemen bewirken?

Der Workshop der Münchener Band „Kamerakino“ ist eine ganz besondere Form der Ungleichzeitigkeit: die sehr dominante jemenitische Folklore mit neuen Elementen anzureichern, und sie als Stilform kreativ zu erweitern.

Folklore ist zwar nicht gleich Folklore: während in Deutschland mit Folklore zumindest nicht die absolute Mehrheit junger Leute angesprochen wird,  ist die jemenitische Folklore vom Stellenwert eher der klassischen Musik gleich, deren Stilblüten beherrscht sein wollen. Dass zu diesen Ansätzen eine Band wie Kamerakino mit ihren teils schrägen, disharmonischen Tönen und ihren gesanglichen Besonderheiten passt, ist eine Frage für sich.

Komplementär war, wenn die wundersanften Streicher zum Lied des gebrochenen Herzblattes einsetzen, so folgt im nächsten, arabisch gesungenen ein Gedicht von „meinem Herzen, meiner Liebe“.

"Aden, Sanaa, München, Berlin, wir sind schon da" entspricht vom Abstraktionsgrad dem jemenitischen „Saaltu an Sanaa / saaltu an Berlin : ich fragte über Sanaa, ich fragte über Berlin“, was natürlich auch mit "sich darüber wundern" wiedergegeben werden könnte, wenn man die Verwunderung einmal auf das Konkrete lenkt.

Das Budget des Workshops war sehr gering, und so ist es den deutschen Musikern hoch anzurechnen, dass sie ohne große Honorarerwartungen in den Jemen kamen, um sich musikalisch zu bereichern. Die jemenitischen Nachwuchsmusiker, die insgesamt einen durchaus schwierigen Status haben hinsichtlich ihrer künstlerischen Absicherung,  hätten die Chance sich auf internationalem Gebiet zu probieren teils ernster nehmen können. 

Die „Freien Radikale, die hier vor dem Portale“ (ein weiterer Titel) wohl schweben ist da nahezu eine Anspielung auf den freien Musikernachwuchs im Vergleich zu den bewährten, eher gesättigten  Folklore-Musikern.

Dennoch wird ein Workshop wie dieser keine radikal neue Kreativität in die gute Stube bringen. Vor diesem Hintergrund ist das Konzert als voller Erfolg zu werten... und jemenitische Folklore an sich nach wie vor sehr schön.