Al Qa`a      

Al-Qa’a heute:

Al-Qa’as Ausmaße entsprechen nach wie vor den historischen Dimensionen, das Viertel ist nicht – wie andere alte Viertel – „zerfranst“, „ausgefasert“. Nicht nur seine Eckpunkte, die ehemaligen Tore, sondern auch seine Flanken, die freien Plätze, tragen im Volksmund immer noch die alten Namen von früher. Auch die Unterviertel (Al-Hara) haben die dem al-Qa’a eigenen Namen, die oft große Ähnlichkeit mit sogenannten Hausnamen in ländlichen Gebieten Deutschlands aufweisen.

In der Tat werden hier die besten aller Schtetl- Phantasien angeregt: das liegt zum einen an den niedrigen Häusern, denn die Haushöhe war von jeher per Dekret festgelegt. Insgesamt entsteht durch das Gleichmaß der Bauhöhe ein Gefühl einer gewissen Behaglichkeit, etwa im Gegensatz zu einer weit mehr ausladenden, nicht bezwingbaren Altstadt. Die Fassaden der Häuser schließen allesamt (in den unveränderten Gassen) in gleicher Linie zur Gasse hin ab, was den Gassen oft einen schlauchartigen Charakter verleiht. Zudem sind viele der Gassen gewunden. Diese Windungen bringen zum einen den starken ad hoc - Charakter der Bebauung zum Ausdruck, denn von einem architektonischen Masterplan für das Gesamtviertel ist nicht auszugehen, auch wenn das Areal wohl vorgegeben war. Vorstellbar ist sicherlich eine schrittweise, viertelabschnittsweise Bebauung, die die Rückkehr der jemenitischen Juden aus der Tihama spiegelt (das Rückkehrgebot sammelte auch welche der von den anderen Orten verwiesenen Juden in Sanaa). Al-Qa’a dürfte demnach innerhalb einer recht kurzen Zeitspanne entstanden sein zwischen den Jahren 1680-1683/1685.

Die einzelnen Unterviertel haben ihren eigenen Charakter und zeichnen sich durch ihre Dichte aus. Viele der Straßennamen lassen Rückschlüsse auf regionale Klannamen zu (Sayyani, Jarashi, Bawsani, Rayani, Dhamari, Kuhlani, Shar’abi / Shargabi). Dichte meint hier die Bebauungsdichte und die Anzahl von Gassen und Gässchen. Die sind allesamt nicht befahrbar und an manchen Stellen gerade 1,20 Meter breit. Viele der Gassen von diversen Brüchen in der Straßenführung gekennzeichnet – da sind hinter einer Ecke Sackgassen, wo man noch den Hauptweg vermutete, da geht es zackig um 90 Grad oder mehr um die Ecke. An manchen Stellen ist die Wegführung so unübersichtlich, dass man zurecht von einem Labyrinth sprechen kann. Auch die Durchgänge verwundern: war hier früher das Ende der Bebauung, oder fängt hier ein neuer, durch den Durchgang abgetrennter Unterbezirk an? Soll es sich um optische Täuschungen handeln, als Falle für Verfolger bei eventuellen späteren Räumungsmanövern? Oder ist es einfach nur eine Brückenverbindung zwischen zwei Häusern, wie sie auch in anderen Orten (wie Thulla oder Alt-Sanaa) auszumachen sind? Eine Art Feuerschutztür? – Diese Fragen bleiben an dieser Stelle unbeantwortet. Andere Durchgänge wieder weisen eine klare Abtrennung einer Wohnstraße mit all ihrer Privatheit aus, wie das Beispiel mit der Gasse mit der Synagoge zeigt. Es soll über 20 Synagogen gegeben haben, deren Kultraumcharakter man allerdings von außen nicht sehen hat dürfen. Auch hierzu gibt es ein entsprechendes Dekret.

Nicht zuletzt bietet al-Qa’a auch all die praktischen Einrichtungen einer „richtigen kleinen Stadt“: dazu zählen zwei bis heute frequentierte Hammams, also türkische Badehäuser, die unterirdisch angelegt und in recht gutem Zustand sind. Der Markt, der Suq al-Yahud, läuft in leichtem Zickzack durch fast das ganze Viertel von Osten nach Westen, die Hauptaktivitäten sind allerdings an seinem Anfang zum Maydan al-Qa’a hin auszumachen. Hier gibt es Seitengassen, deren Namen auf die feigebotenen Waren schließen lassen: Suq al-Habb, Suq al-Quss, Suq al-Inab, Suq al-Qassar. Der Markt wird heute genutzt und bietet mehr Dienstleistungen, als man ihm ansieht. Besonders belebt ist der Markt morgens bei den aushäusigen Frühstückern und um die Mittagszeit herum in seiner meistfrequentierten Partie, dem Suq al-Qat. Nachmittags wird es etwas stiller, während der Markt am Abend geradezu ausgestorben zu sein scheint. Der zentrale Platz vor der Hauptmoschee des Viertels, die dem Plan nach übrigens keine Synagoge ersetzt hat, wird auch bei Hochzeiten im Viertel von den Bewohnern als Tanz- und Zeremonieplatz genutzt. In einzelnen, sehr wenigen Fassaden entlang dem Suq sieht man noch Davidsterne in Fenstern, Zierleisten und Simsen, die aber baugeschichtlich nicht als dem mosaischen Glauben alleine vorbehaltenes Symbol gelten.

Bei der heutigen Bevölkerungsschichtung ist davon auszugehen, dass von einzelnen „Munkeleien“ über Konvertitenfamilien abgesehen wenig an jüdischem Leben geblieben ist. Der finale Auszug der Juden aus dem Jemen im Rahmen der regionalen Maßnahmen, hier „Operation Fliegender Teppich“, war 1950.

Wohlhabende Juden hatten die Zeit der zweiten Türkischen Besatzung genutzt, um Kontakte mit anderen jüdischen Gemeinden im Osmanischen Reich aufzubauen und zu pflegen, wohl auch mit der Absicht, dorthin abzuwandern. Ähnliches gilt für die Juden im Südjemen, die ab Mitte des 19.Jahrhunderts die neuen Freiheiten des britischen Protektorats nutzten und ebenfalls als erfolgreiche Händler Kontakt zu jüdischen Gemeinden in Großbritannien wie in der Kronkolonie Indien suchten. Deshalb ist davon auszugehen, dass die 1950 noch in Sanaa lebenden Juden nicht zu den Wohlhabendsten gehörten; die kollektive Ausreise, die von Israel mit Hilfe Großbritanniens organisiert und durchgeführt wurde, bedeutete nicht gerade einen Gang auf einem roten Teppich: Plünderungen und jede erdenkliche Art von Tributen auf dem Weg durch die verschiedenen Klan- und Scheichgebiete wie eine Art der Quarantäne in Lagern im Großraum Aden lassen Eretz Israel umso wohlverdienter scheinen. Die verbleibenden Häuser müssen dann zu Spottpreisen an die Meistbietenden oder Einflussreichsten verkauft worden sein, die sie in den seltensten Fällen selbst, bestenfalls nur kurze Zeit, bewohnten. Die Eigenbelegung in Al-Qa’a wird sehr niedrig geschätzt, meistens handelt es sich um – auch klaninterne - Mietverhältnisse, deren Mieter oftmals die Zugereisten einer weiteren Landfluchtbewegung waren. Man spricht nicht von ungefähr von der Armutsspirale Altstadt (Alt-Sanaa wie Al-Qa’a), weil viele der Zugereisten mit einem „Kulturschock Stadt“ und der Erkenntnis ungenügender beruflicher Fertigkeiten zurechtzukommen haben. Viele sind einfache Händler auf dem Obstmarkt oder üben allerlei praktische Tätigkeiten aus. Viele der Untergeschosse in der Suq-Gegend sind als kommunale Schlafstätten an Tagelöhner und Motorradtaxifahrer vermietet; in anderen Formen von Kabuffs hausen verwitwete oder geschiedene alleinstehende Greisinnen und verkrüppelte alte Männer. Roes beobachtet:

„Nach der vollständigen auswanderung der sana’aner juden nach Israel siedeln sich muslimische zuwanderer in al-Qa’ an. Die synagogen und gebetsräume werden zerstört oder zweckentfremdet, moscheen und schulen gebaut. Viele ehemals jüdische häuser sind unbewohnt und dem verfall preisgegeben, andere in traditionellem jemenitischen stil umgebaut: aufstockungen, vergröszerte fenster und türen, weisze Stuckaturen, entfernung jüdischer inschriften und symbole. Dennoch ist der ehemalige ghettocharakter diese viertels auf schritt und tritt zu spüren. Die jetztige bevölkerung ist hier weder historisch noch kulturell verwurzelt. In dem masze, in dem architektur alltagskultur repräsentiert, müssen sie sich auch in der zweiten generation in diesem stadtraum fremd, ja, deklassiert fühlen.“ (Roes, 282)

Dennoch ist die Sozialstruktur nicht homogen – besonders an die Ränder von Al-Qa’a und in die unmittelbar angrenzenden Viertel Bir al-Azab und Al-Bawniya zogen schon früh Angehörige der jeweiligen Mittelschichten und Bourgeoisien. Viele der hierher gezogenen Familien sind auch unter den ersten wahren Republikanern des Jemen, die um die Revolutionszeit an die neue Gesellschaft und die Abkehr von den alten Werten (Kastensystem, Religionsadel) glaubten. Das betrifft auch Familien, die von der Volksgruppe der Ahdam, der ehemalige Dienerkaste, abstammen. Dennoch wird mit der Gegend ein besonders starkes Vorkommen von Diebstahl und Alkoholverkauf assoziiert, den Bewohnern von Al-Qa’a allerhand unterstellt – ob da die Unübersichtlichkeit und Unkontrollierbarkeit der Anlage von „Al-Qa’a al-Yahud“ die Rolle eines blind spot auf dem nationalen Gewissen spielt, nicht zu sagen eine ideale Projektionsfläche?